Diagnosen verstehen
Viele Menschen, die Unterstützung in einer Traumatherapiepraxis suchen, haben irgendeine Form von Trauma erlebt. Kürzlich oder vor langer Zeit. Einmalig oder wiederholt. Sie vereint, dass dieses Ereignis oder diese Ereignisse ihr Leben so stark verändert haben, dass sie sich nicht mehr wohl fühlen. Sie möchten Unterstützung dabei, ihr Leben wieder zu ihrem eigenen zu machen.
Als Therapeut muss man dem Ganzen einen Namen geben. Trauma gibt es in vielerlei Variation, mit der man im therapeutischen Kontext teilweise sehr unterschiedlich umgeht. Es gibt verschiedene Begriffe, die über die Zeit auch ihren Weg in den normalen Sprachgebrauch gefunden haben, wie Entwicklungstrauma, Schocktrauma, Bindungstrauma, etc.
Bei diesen Begriffen handelt es sich offiziell nicht um Diagnosen sondern um Bezeichnungen, die im Rahmen von Ausbildungssituationen genutzt werden. Hier gibt es unterschiedliche Definitionen. Man könnte z.B. sagen, dass das Entwicklungs- oder Bindungstrauma eines ist, das ein Mensch während seiner kindlichen Entwicklungsphase erleben kann, in der sich eine eher sichere oder eher unsichere Bindung zu seinen Betreuungspersonen bildet.
Ein Schocktrauma dagegen resultiert aus einem Schockerlebnis, also tendenziell aus einem einmaligen, zeitlich befristeten Ereignis, wie z.B. einem Unfall, einem Naturereignis (Überflutung, Blitzeinschlag, Brand,…), einer Entführung, einem Einbruch oder Überfall, einer Operation, bei der etwas gehörig schief gegangen ist o.ä.
In der Therapie würde mit den unterschiedlichen Varianten sehr unterschiedlich umgegangen.
Offizielle Diagnosen sind die o.g. Begriffe nicht.
Im offiziellen Bereich befinden wir Therapeuten/Ärzte/Ämter etc. uns gerade ein einer Umbruchphase. 30 Jahre lang galt das Diagnosemanual „ICD-10“, ein Verzeichnis, in dem sämtliche zu vergebende Diagnosen ausführlich aufgeschlüsselt werden, in dem man die entsprechenden Buchstaben- und Zahlencodes nachschlagen kann, die auf Überweisungen und Rechnungen stehen müssen.
Seit den 2020ern gilt durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das neue ICD-11, das z.Zt. aber noch nicht in der offiziell genehmigten deutschsprachigen Variante vorliegt. Es gibt noch ein weiteres Diagnosemanual (DSM), herausgegeben durch die Amerikanische Psychiatrische Vereinigung, welches sich ausschließlich auf „psychische Störungen“ bezieht. Das ICD deckt den gesamten medizinisch-therapeutischen Bereich ab.
Ab Anfang 2027 nun wird das ICD-10 auch im deutschsprachigen Raum vom ICD-11 abgelöst, einer überarbeitete Version, mit der sich Bezeichnungen, Diagnosekriterien und Codes z.T. ändern werden.
In der Traumatherapie gab es bisher das Problem, dass das oft vorkommende Entwicklungstrauma gar keine eigene Diagnose hatte. Der Begriff Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) bezieht sich in seinen Diagnosekriterien auf das, was oben als Schocktrauma bezeichnet wurde, also ein kurzfristiges Ereignis, welches sich in jüngerer Zeit ereignet hat, wie ein Verkehrsunfall. Es blieb nicht viel anderes übrig als die (Falschdiagnose) des PTBS zu nutzen, Alternativ die der Anpassungsstörung, die von den diagnostischen Kriterien ebenfalls nicht zutrifft, oder die der „andauernden Persönlichkeitstörung nach Extrembelastung“.
Im neuen ICD-11 nun gibt es die Diagnose der komplexen PTBS, kurz kPTBS.
Auch hier fehlt in den Diagnosekriterien möglicherweise noch die langjährige psychische und/oder emotionale Belastung von toxischen/stark dysfunktionalen Familienstrukturen, die Auswirkungen durch verbalen/emotionalen/mentalen etc. Missbrauch.
Die klassischen Merkmale einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) sind:
Wiedererleben: Erinnerungen an das Ereignis drängen sich auf, ohne beiseite geschoben werden zu können. Wir sprechen von Flashbacks. Bilder tauchen vor dem inneren Auge auf, einhergehend mit den zu dem Zeitpunkt erlebten Gefühlen und Körperreaktionen, was sehr belastend sein kann. Genauso können Alpträume auftreten.
Vermeidung: Orte, Zeitpunkte, Daten, Menschen, Ereignisse, Gedanken und Gefühle werden, soweit denn möglich, vermieden. Die Kreuzung des Unfalls wird umgangen, es wird nicht mehr Auto gefahren, Menschen werden nicht mehr getroffen, zu der Zeit, an dem das Ereignis stattgefunden hat, wird das Haus nicht mehr verlassen o.ä.
Übererregung: das Nervensystem der betroffenen Person befindet sich in der sogenannten „roten Zone“, im Ausnahmezustand. Hohe Nervosität, Unruhe, Schlafprobleme, ständiges Grübeln, Angst, Zittern, Schreckhaftigkeit usw. können die Symptome sein.
Bei der komplexen PTBS kommen noch folgende Symptome hinzu:
Schwere Störungen der Emotionsregulation: Man wird überflutet von starken Gefühlen wie Angst, Trauer, Einsamkeit, Wut, Unsicherheit, kann Stimmungsschwankungen erleiden oder auch vorübergehende oder anhaltende emotionale Taubheit.
Negatives Selbstbild: Betroffene Personen erleben einen belastenden Mangel an Selbstwert, Selbstakzeptanz, Selbstliebe etc., Glaubenssätze wie „ich bin an allem schuld“, „ich bin eine Last für andere“, „ich mache alles falsch“, etc. erschweren das Leben.
Interpersonelle Probleme: Schwierigekeiten in Kontakten und Beziehungen, im sozialen Bereich. In Liebesbeziehungen (oder der Mangeln an solchen), Ängste, Probleme, Beziehungen aufrechtzuhalten, das Gefühl, „komisch“, anders, abgetrennt von anderen zu sein.
Ab 2027 wird sich in der Therapie durch die, nun offizielle, neue Diagnose nichts ändern (im englischsprachigen Raum lag diese Diagnose schon seit längerem vor). Aber es ist sehr gut, dass die längst überfällige Öffnung der offiziellen Kataloge für den großen Bereich des Entwicklungstraumas neue Perspektiven in den medizinischen Bereich bringt.