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Wechseljahre der Frau

 

Wechseljahre, Psyche, Körper

Für lange Zeit waren die Wechseljahre der Frau (und die des Mannes) öffentlich kaum bis kein Gesprächsthema. Frau sprach darüber vielleicht mit ihrem/ihrer Gynäkologen/-in oder mit Freundinnen. Frau bekam „in der zweiten Lebenshälfte“ so merkwürdige Symptome, Hitzewallungen und Schlafprobleme. Dann hören die Blutungen auf, Frau ist nicht mehr fruchtbar. Das wars. 

Dann gab es vielleicht synthetische Hormone vom Arzt. Die gab es dann aber irgendwann nicht mehr, als festgestellt wurde, welch fatale Nebenwirkungen die hatten. Schlaganfälle, Thrombosen, Brustkrebs waren leider oft die Folge davon, dass Frau versucht hat, sich in dieser Lebensphase zu helfen. Die Hormone waren nicht mehr verfügbar und Frau musste zusehen, wie sie klar kam.

 

Zum Glück sind wir in dieser Hinsicht heute in einer anderen Zeit gelandet.

Heute wissen wir so viel mehr über die hormonelle Umstellung bei Frauen (auch Männer erleben hormonelle Veränderungen). Es gibt viel Literatur dazu, Blogs, Podcasts. Allein das Buch „Women on Fire“ ist in den letzten Jahren quasi viral gegangen. Zu recht, möchte ich meinen, denn tiefgreifende Information über die Veränderungen des weiblichen Körpers sind mehr als überfällig.

Wissen ist notwendig, Wissen ist Macht, das wird heute noch viel wahrer als es immer schon war.

Wie soll ein Mensch sich vorbereiten, einstellen, damit umgehen, was ihm geschieht, wenn er/sie gar nicht weiß, was ihm/ihr geschieht?

Bei mir persönlich war es so, dass ich mit meinem 38. Lebensjahr plötzlich sehr merkwürdige Veränderungen an mir, meinem Körper wahrgenommen habe. Ich hatte damals keinen blassen Schimmer, was passiert. Ich hatte immer öfter Kopfschmerzen, Kreislaufprobleme, Schwindel. Mein Schlaf wurde zusehends schlechter, leichter, unterbrochener. Ich schwitzte mich durch die Nächte, wachte morgens gerädert auf, war tagsüber aber oft zu unruhig, um mich auszuruhen. Mein Körper fühlte sich anders an, ohne dass ich das genau beschreiben konnte. Ich hatte Schmerzen, in den Muskeln und Gelenken, die ich mir nicht erklären konnte. Müdigkeit wurde zunehmend ein Thema. Mein Zyklus hat sich damals noch nicht wesentlich verändert aber die „PMS der Vorhölle“ lernte ich von Monat zu Monat intensiver kennen. Will heißen, das prämenstruelle Syndrom, also Symptome vor Einsetzen der Blutung, die so unangenehm, schmerzhaft und intensiv waren, dass ich manchmal nicht arbeiten konnte. Emotionale Veränderungen wurden in diesen Jahren immer deutlicher, ich wurde traurig, hoffnungslos, verzweifelt, oft sehr schnell und ohne erkennbaren Auslöser. 

Meine Reaktion damals war eine Odyssee von Arzt zu Arzt zu starten, denn ich machte mir wirklich Sorgen um das, was sich da offenbar meines Körpers bemächtigte. Die Jahre gingen dahin, die Symptome blieben, veränderten sich, wurden mehr, intensiver, es wurde zunehmend Teil meines Alltags, belastend und unerklärlich.

Auch meiner Gynäkologin habe ich von diesen Veränderungen erzählt. Die hat darauf aber nicht reagiert. Mein Zyklus war nach wie vor regelmäßig, wenn auch die Blutungen deutlich heftiger und länger geworden waren. Und die PMS der Vorhölle besuchte mich fast jeden Monat.

Erst mit Mitte 40 habe ich zufällig eine Gynäkologin gefunden, die mir schon beim ersten Gespräch unaufgefordert viele Fragen stellte, die zu meinen vielfältigen Symptomen passten. Lange hatte ich das Gefühl, als würde es unter meiner Haut brennen. Ich wurde reizbarer auf allen Ebenen, meine Augen und Ohren wurden empfindlicher, ich nahm Reize viel deutlicher wahr, die früher das normale Hintergrundrauschen gebildet hätten. Ich reagierte stärker, manchmal viel stärker als beabsichtigt. Ich weinte mehr, oft völlig ohne Grund. Ich schlief nur noch sehr schlecht und maximal bis 3 Uhr morgens. Meine Schleimhäute wurden trockener, eine unerklärliche Angst, Unruhe und Unsicherheit wurde mein täglicher Begleiter. Es war furchtbar. Die Ärztin zuckte nicht mit der Wimper, auch als ich ihr erzählte, dass die Symptome in meinem 38. Lebensjahr begonnen hatten. Sie sagte, und das war mir völlig neu, dass die hormonelle Umstellung der Frau tatsächlich irgendwann um 38 einsetzt. Ich war baff erstaunt, dachte ich doch vorher: „Wechseljahre? Das ist doch irgendwas so um die 50, oder?“ Tja, man lernt immer dazu. Sie empfahl mir das Buch „Women on Fire“, was mir in vielem die Augen öffnete und was ich auch hiermit weiterempfehle (es gibt inzwischen vielfältige Literatur im Angebot!).

Ich nehme seitdem bioidentische Hormone und bin sehr froh darüber. Das hier soll kein Ratschlag sein dafür, dass Frauen Hormone nehmen sollten sondern ein sehr individueller Erfahrungsbericht. Mir ist es sehr wichtig, dass Frauen erfahren, wie der aktuelle Wissensstand zum Thema Menopause ist. Denn wenn auch nicht jede Frau, zum Glück, die Wechseljahre so intensiv und unangenehm erlebt wie ich, so spreche ich doch immer wieder mit Frauen, die „nur“ unter Hitzewallungen, Herzklopfen und Schlafstörungen leiden. Und schon diese drei Symptome können einem das Leben sehr schwer machen. Denn die Wechseljahre sind ja wirklich Jahre und viele davon.

Die modernen bioidentischen Hormone sollen viel besser verträglich sein als die synthetischen von damals und weniger Nebenwirkungen haben. Es gibt viele Informationen dazu und ich ermutige jede Frau, sich mit Wissen einzudecken. Nicht jeder Gynäkologe ist ausreichend informiert darüber, so scheint es, wie in jedem Berufsstand gibt es auch dort unterschiedliche Ausrichtungen und Interessen. Aber, wie mein Beispiel zeigt, es gibt sehr motivierte Ärzte, die sich einlesen und fortbilden und helfen können. Suchen lohnt sich!

Die Einstellungszeit auf die richtige Hormondosis hat lange gedauert, mehrere Monate. Und auch heute bin ich bei weitem nicht symptomfrei. Aber vieles ist verschwunden und vieles sehr reduziert. Es dauert viele Jahre, bis die Hormonwelt einer Frau sich auf einem neuen Niveau einpendelt und auf dem Weg dahin kann es einige Herausforderungen zu meistern geben.

Ich sage nur „Wut“. Oder „schwarze Abgründe“. Die schon erwähnte Reizbarkeit. Monatelange Schlafstörungen. Schweißausbrüche zu jeder Tag- und Nachtzeit. Meine Gynäkologin sagte einmal „wer die Wechseljahre schafft, schafft alles!“.

Es gibt viele Ansätze, die einem diese Jahre einfacher machen können. Nahrungsergänzungsmittel sind z.B. ein wichtiges Thema. Manch eine Frau will vielleicht keine Hormone nehmen oder braucht sie nicht und versucht einen naturheilkundlichen Weg. Den schlage ich normalerweise auch gerne ein aber bei mir halfen tatsächlich nur die Hormone. Manch eine Frau schafft sich über Sport, Entspannung, eine andere Ernährung Erleichterung. Oder über eine Psychotherapie oder ein Coaching, wo sie lernt, in ihren Beziehungen aufzuräumen und anders mit Gefühlen und Bedürfnissen umzugehen. Viele nutzen einen Mix aus allem möglichen.

 

Entspannung ist ein wichtiges Thema.

Durch die höhere Reizbarkeit oder Sensibilität vieler Frauen in diesen Jahren, die eventuell hohe Symptombelastung, die eh schon hohe Stressbelastung des normalen Alltags in diesen Zeiten kann schon ein „normaler“ Alltag einen enormen Druck aufbauen. Etwas, was vor Jahren noch völlig normal war, kann kaum noch toleriert oder ausgehalten werden. Frau braucht mehr Ruhe, mehr Zeit alleine, mehr Pausen. Das bedeutet nicht, dass man „alt“ wird, mit 40, 50 oder 60 ist man heute noch jung, kann sich sehr fit und beweglich halten. Aber viele merken, dass sie nicht mehr so belastbar sind und diese Erkenntnis ist wichtig.

Denn Stress kann die Wechseljahressymptomatik steigern.

 

Stress ist ja nicht nur der Termindruck, der Freizeitstress, Familie und Beruf etc. sondern Stress kann auch kommen, wenn man merkt, dass man nicht mehr so viel so gut und schnell schafft wie früher und sich dafür selbst kritisiert. Wenn man merkt, dass man empfindlicher reagiert als andere, nach Hause muss, sich hinlegen möchte, alles zu viel und zu laut ist. 

Reaktionen wie Sorge, Genervtheit, Angst, Verzweiflung, Selbstverachtung o.ä. können die Folge sein und die Stressspirale noch mehr anfachen.

Anders als bei einer Erkältung, wo die Symptomatik zwar unangenehm aber überschaubar und zeitlich begrenzt ist, haben wir es hier mit einer sehr breiten Palette von scheinbar unzusammenhängenden Symptomen zu tun, die für den Laien oft nicht verständlich sind. Nicht umsonst habe ich selbst Jahre gebraucht, um einen Arzt zu finden, der mir erklären konnte, was überhaupt los ist. Selbst die Experten kapitulieren demnach.

Nicht zu wissen, was los ist, macht Stress…

Nicht zu wissen, ob das jetzt bleibt, macht Stress…

Zu wissen, dass es vielleicht lange so weitergeht, macht Stress…

Zwar zu wissen, was los ist aber trotzdem darunter zu leiden, macht Stress…

 

Die emotionalen Veränderungen durch die Hormonumstellung sind nicht zu unterschätzen. Wut hatte ich schon erwähnt, zusammen mit der erhöhten Reizbarkeit.

Dunkle Abgründe: viele Frauen erleben plötzliche, intensive Hilflosigkeit, Verzweiflung, Ausweglosigkeit, Hoffnungslosigkeit. Völlige, bisher unbekannte Dunkelheit in einem.

Hier ist auch die Abgrenzung zu einer Depression wichtig. Eine Depression kann vielfältige Ursachen haben und kann selbstverständlich auch im Rahmen der Wechseljahre auftreten. Aber auch die hormonellen Schwankungen können depressive Symptome verursachen. Hier braucht es dann aber evtl. kein Antidepressiva sondern entsprechende andere Behandlungen. Ich habe es einmal in all den Jahren tatsächlich erlebt, dass eine Frau mit viel Traurigkeit und Verzweiflung zu mir kam, um Sitzungen zu nehmen. Nachdem wir über die Wechseljahre gesprochen haben und sie von ihrem Gynäkologen dann auch mit bioidentischen Hormonen behandelt wurde, verschwanden ihre emotionalen Beschwerden. 

Das war eine Ausnahme. Ich spreche alle Frauen ab Ende 30 auf die Wechseljahre an, erlebe immer wieder, dass die meisten nicht viele Informationen haben und dankbar sind für das neue Wissen.

Angst ist ein wichtiges Thema, was Frauen in diesen Jahren viel Leid geben kann. Eine dauernde Ängstlichkeit, Unsicherheit, gepaart mit der hormonell bedingten Unruhe (die, wie alle anderen Symptome, natürlich auch noch ganz andere Ursachen haben kann), kann einen bisher stabilen Menschen in ein schlingerndes Boot verwandeln. Was wieder Stress verursachen kann, der wiederum die Symptome verstärken kann. Und schon finden wir uns ein einer unschönen Abwärtsspirale, die, wenn noch gespickt mit Selbstkritik, sehr quälende Ausmaße annehmen kann.

 

Wichtig ist: viele Frauen haben während der Umstellungsphase keine bis kaum Symptome! Viele erleben ihre 40er bis 60er Jahre als die schönsten und produktivsten ihres Lebens. Wechseljahre bedeutet nicht automatisch Leid und Probleme!! Dieser Text soll nur darauf aufmerksam machen, dass sie Herausforderungen mit sich bringen können.

Jede einzelne der genannten Symptomatiken kann x andere Ursachen haben. Allein die pure Existenz auf unserem schönen Planeten Erde zu dieser Zeit kann Unsicherheit und Schlafprobleme verursachen aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Situation…

 

Ein letzter Punkt von vielen, die man noch ansprechen könnte, ist folgender: die eigene Kraft. Durch Schlafmangel, Unruhe, emotionale Herausforderungen, Müdigkeit, vielleicht noch Schmerzen, Unsicherheit („wie geht das weiter“), vielleicht Schwierigkeiten in der Partnerschaft (plötzlicher Libidoverlust, trockene Vaginalschleimhäute), kann Frau wütend werden oder aber auch z.B. schwach, kraftlos, hilflos. 

Die intensiven Veränderungen können alte Traumatisierungen oder stressbelastete Erfahrungen reaktivieren aber auch für sich Probleme machen in Bezug auf die eigene Identität, das eigene Selbstbild oder Selbstverständnis.

 

Fazit:

Information, Wissen, Recherche, ein mutiges Eintreten für sich selbst können gute Ressourcen während dieser herausfordernden Jahre sein.

Tägliche Entspannung, Ruhe, Stille sind für viele ein absolutes Muss. Der eigene Körper reagiert möglicherweise anders und reizbarer auf Dinge als früher. Für sich selbst eine neue „Basislinie“ zu finden, indem man ausreichend viele Techniken, Hilfsmittel und Möglichkeiten hat, sich selbst, seinen Körper und sein Nervensystem immer wieder zuverlässig zu erden und zu entspannen, sind sehr wichtige Hilfsmaßnahmen auf dieser Reise.

 

Frauen in den Wechseljahren sind nicht schwach, nicht krank, nicht langweilig, nicht „zu alt“, nicht uninteressant, nicht unsexy, kein „altes Eisen“ oder ähnliches!

Frauen in den Wechseljahren erleben viel Herausforderndes, heißt, viel, was sie über sich selbst hinauswachsen lassen kann. Es sind Zeiten, wo wir klarer hinsehen dürfen (auch wenn die Augen vielleicht nicht mehr so mitmachen), sehr genau in uns selbst lauschen (wenn die äußeren Ohren vor Tinnitus brummen), uns sehr genau mit unseren eigenen Bedürfnissen, unserer Kraft, unserem Standing, unserem Lebensweg etc. auseinandersetzen dürfen.

 

In dieser Zeit kann Frau sich eine ganz neue Kraft, innere Ruhe, Weisheit und Lebensfreude erarbeiten! Denn…

…wie meine Gynäkologin schon sagte: „wer die Wechseljahre schafft, schafft alles!“