Sexuelle Gewalt

(Auch wenn dieser Artikel, wie alle anderen, achtsam geschrieben wurde, kann es sein, dass bestimmte Begriffe emotionale Reaktionen hervorrufen können. Achten Sie deshalb beim Lesen auf sich, lassen sich Zeit, machen evtl. Pausen. Sollten Sie sich getriggert fühlen, ist es immer eine gute Idee, z.B. mit liebevollen Menschen zu sprechen oder in die Natur zu gehen.)

Der Themenbereich Missbrauch, Gewalt und Sexuelle Gewalt löst bei vielen Menschen zu Recht Unbehagen und Beklemmungen aus. Seit einigen Jahren erreichen uns medial viele Enthüllungen über sexuelle Gewalt in Institutionen aber auch Zahlen über Missbrauch im privaten Bereich treten – gefühlt – mehr in den Fokus. 

Viele Menschen möchten gar nicht so viel über so ein unangenehmes Thema erfahren, was verständlich ist. 

Aber genauso richtig und wichtig ist: dieses Thema braucht sehr dringend mehr Öffentlichkeit! Menschen wird unermessliches Leid angetan, Biografien werden gewaltsam und negativ verändert, Entwicklungsmöglichkeiten beschränkt und die Entstehung von gesunden, liebevollen Beziehungen oft (fast) unmöglich gemacht.

 

Gewalt kann es geben und gibt es überall dort, wo Menschen zueinander in Kontakt treten und miteinander leben und arbeiten. Sie findet zu jeder Zeit überall auf der Welt an und in allen Bereich, Schichten und Orten statt.

 

Der Versuch einer Definition:

 

Wikipedia sagt: „Als Gewalt werden Handlungen, Vorgänge und soziale Zusammenhänge bezeichnet, in denen oder durch die auf Menschen, Tiere oder Gegenstände beeinflussend, verändernd oder schädigend eingewirkt wird.“

 

Die WHO bezeichnet Gewalt als „absichtliche(n) Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, der entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychische Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.“

 

Die Seite „SpringerLink“ schreibt zusätzlich: „Gewalterfahrungen können mit erheblichen psychosozialen Belastungen und gesundheitlichen Konsequenzen verbunden sein, wie körperlichen und seelischen Verletzungen, Rückzug und Isolation, Depression, Angststörungen, sozialer Beeinträchtigungen oder Substanzgebrauch. Mit dem Erleben multipler Gewaltarten ist ein erhöhtes Risiko für einen schlechteren Gesundheitszustand verbunden, besonders wenn Gewalt im Kindesalter erlebt wurde.“

 

Auf der Internetseite „Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“ der Bundesregierung heißt es: 

Sexueller Missbrauch oder sexuelle Gewalt an Kindern ist jede sexuelle Handlung, die an oder vor Mädchen und Jungen gegen deren Willen vorgenommen wird oder der sie aufgrund körperlicher, seelischer, geistiger oder sprachlicher Unterlegenheit nicht wissentlich zustimmen können. Der Täter oder die Täterin nutzt dabei seine/ihre Macht- und Autoritätsposition aus, um eigene Bedürfnisse auf Kosten des Kindes zu befriedigen.

Die Handlungen, die als sexuelle Gewalt oder Missbrauch bezeichnet werden, weisen eine große Bandbreite auf. Nicht jede sexuelle Gewalt ist strafbar, aber jede sexuelle Gewalt verletzt Mädchen und Jungen.

Sexuelle Gewalt beginnt bei sexuellen Übergriffen wie verbaler Belästigung, voyeuristischem Taxieren des kindlichen Körpers, aber auch flüchtigen Berührungen des Genitalbereichs oder der Brust über der Kleidung. Passiert die Berührungen aus Versehen, spricht man nur von einer Grenzverletzung, die mit einer Entschuldigung aus der Welt geschafft werden kann.

Um strafbaren Missbrauch handelt es sich, wenn sexuelle Handlungen am Körper des Kindes stattfinden oder der Erwachsene bzw. Jugendliche sich entsprechend anfassen lässt, z.B. die Genitalien des Kindes manipuliert, ihm Zungenküsse gibt, sich vom Kind befriedigen lässt. Zu den schweren Formen zählen Vergewaltigungen aller Art: vaginal, oral, anal. Es gibt auch Missbrauchshandlungen, die den Körper des Kindes nicht direkt mit einbeziehen, z.B. wenn jemand vor einem Kind masturbiert, sich exhibitioniert, dem Kind gezielt pornografische Darstellungen zeigt oder es zu sexuellen Handlungen an sich selbst – beispielsweise auch vor der Webcam – auffordert.“

 

Das tragische an (sexueller) Gewalt ist, dass sie immer im Kontakt mit anderen Menschen geschieht, im Gegensatz zu z.B. Naturkatastrophen, die auch als Gewalterfahrung wahrgenommen werden können. Durch dieses „inhumane“ Verhalten werden Gefühle von Verbundenheit, Sicherheit, Geborgenheit, Schutz, Daseinsberechtigung, als Individuum gesehen werden und Vertrauen in andere auf einer sehr existentiellen Ebene zerstört.

Das tiefe Empfinden von Würde geht verloren.

Wie oben bereits erwähnt, können, besonders (früh-)kindliche (sexuelle) Gewalterfahrungen zum Teil massive psychische und physische Einschränkungen nach sich ziehen, die oft auch noch Jahre und Jahrzehnte nach Beendigung der Übergriffe Alltag, Arbeits- und Beziehungsfähigkeit stark einschränken können. Vieles davon kann verwirrend oder unverständlich sein, wie ein immer wiederkehrendes Ekelgefühl in Situationen, die vordergründig keinen Bezug zur Vergangenheit haben und es kann sehr entlastend sein, im therapeutischen Kontext diese Dinge mitteilen, begreifen und bearbeiten zu können.

Die alten Erfahrungen können oft ohne erfahrene Unterstützung von außen nicht verarbeitet werden, der Mensch steckt fest in einem immer wiederkehrenden Kreislauf aus z.B. Angst, Schlafstörungen, Verdauungsproblemen, Schreckhaftigkeit, Schuld- und Schamgefühlen, Suchtverhalten, Wertlosigkeit, Grenzverletzungen, Vermeidungsverhalten, Isolation.

Das Erlebte hat oft etwas sehr bedrohliches und man möchte sich weder daran erinnern, noch sich damit beschäftigen. Die Auswirkungen auf den Alltag, gerade das Erleben von Beziehungen, Nähe, Vertrautheit, körperliche Nähe, Berührungen und Sexualität ist aber in vielen Fällen stark beeinträchtigt und ruft in vielen Fällen die alten Erinnerungen immer wieder hervor. Das alles zu ertragen und trotzdem einen einigermaßen „normalen“ Alltag zu leben, erfordert sehr viel Kraft und Energie. Betroffene sind oft ihrer spontanen, kreativen, lustvollen, flexiblen Handlungsfähigkeit beraubt, sie funktionieren. Sie sind sich dessen nicht unbedingt bewusst, merken aber oft, dass irgendetwas nicht stimmt, dass etwas anders, anstrengender, komplizierter ist als bei anderen. 

Weiterhin erleben Betroffene oft einen Verlust von Disziplin, Vertrauen, Lernfähigkeit, Herzintelligenz, Sinnlichkeit, Selbstwirksamkeit,...

Erlebte Gewalt, gerade, wenn sie früh und intensiv erlebt wurde, beeinträchtigt das (Er-)Leben stark, es kann sich sogar so anfühlen, als würde man nicht wirklich am Leben teilnehmen, als könnten das nur die anderen. Da das, was damals so schlimm war, (auch) über den Körper erfahren wurde, im Sinne von Gefühlen, Berührungen, Zuneigung, Nähe aber natürlich auch über Brutalität oder Schmerz genauso wie das Fehlen von Zuwendung , Zuspruch oder Trost, darf auch ein großer Teil der Bearbeitung über den Körper stattfinden. Und das, ohne immer wieder in die alten Geschichten eintauchen oder sie immer wieder erzählen und so nacherleben zu müssen.

Das kann anfangs Angst machen, ist aber ein sehr guter Weg, um nicht nur über das Geschehene nachzudenken und zu sprechen sondern in der Tiefe zu erleben, wie die uns allen innewohnende Lebensenergie und Lebensfreude langsam aus dem Schockzustand befreit werden kann und wieder zu fließen beginnt.

Wir brauchen unseren Körper mit all seinen Fähigkeiten zur Kontaktaufnahme zu uns selbst und zu anderen, um wieder zu uns zu finden. Gewalt lässt uns die Erdung, sprichwörtlich den Kontakt zum Boden, zum Hier und Jetzt verlieren, genauso wie den Kontakt zu unseren Impulsen, Bedürfnissen, Gefühlen, Abneigungen, Körperwahrnehmungen, Grenzen usw. Wir dürfen lernen, die ganz natürlichen Reaktionen und Mechanismen unseres Nervensystems zu verstehen und mit ihm in Austausch zu gehen, um all die Symptome, die uns so lange gequält haben, endlich begreifen und bearbeiten zu können.

Gerade die oft sehr hohe Unruhe und Anspannung, die Betroffene leiden und niemals zur Ruhe kommen lässt, lässt sich wiederfinden durch die Begleitung und Unterstützung eines ruhigen und erfahrenen Therapeuten.

Wir brauchen unseren Körper und er braucht uns, um das Alte, was uns so lange eingeschränkt hat, im Hier und Jetzt verändern zu können.

Jede Veränderung braucht ihre Zeit und Sie haben jederzeit die Wahl, neue, leichtere und freudvollere Wege einzuschlagen.

 



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