Hochsensible Kinder - Hochsensible Eltern

 

Lächle, atme und gehe langsam.“ (Thich Nhat Hanh)

 

Der Weg dahin, die eigene Hochsensibilität zu erkennen und benennen zu können, ist oft ein langwieriger. Auch wenn die Literatur und andere Informationsquellen sich mehren, braucht es doch oft viel Zeit, um Antworten auf die Fragen zu bekommen, die einen quälen.

Viele Menschen sind auch dann noch besorgt, wenn sie an ihre eigene Kindheit zurückdenken. „Ich liebe meine Eltern und sie haben doch alles für mich getan, warum sind da aber so viele ungute Erinnerungen an früher?“ oder „Ich kann mich beim besten Willen nicht daran erinnern, dass zwischen mir und meinen Eltern etwas Schlimmes passiert ist, warum fühlt es sich aber genau so an?“. 

Solche Fragen können beunruhigen und schon mal zur (möglicherweise falschen) Annahme führen, man hätte etwas verdrängt, an das man sich lieber nicht mehr erinnern möchte.

Selbstverständlich ist es eine Möglichkeit, irgendeine Art von Missbrauch erlebt und verdrängt zu haben, wenn man sich nur ungern oder vielleicht auch gar nicht an Teile oder die ganze Kindheit erinnern mag oder kann.

Eine andere Möglichkeit (von vielen) ist aber auch, dass die eigenen Eltern die Hochsensibilität ihres Kindes einfach nicht erkannt haben. Im Zweifel, weil ihnen dieses Konzept nicht vertraut war oder sie nicht ausreichend informiert waren. 

Erst die aktuellen Generationen von Kindern wachsen unter Bedingungen auf, die ihren Eltern ermöglichen, sie so zu nehmen, wie sie sind. Wenn Eltern merken, dass ihre Kinder „anders“ sind oder „schwierig“, sich „ungewöhnlich“ verhalten oder „besonders“, können sie heute auf eine Menge Informationen zurückgreifen. Es ist möglich, sich beraten zulassen oder sogar schon durch die Gespräche mit den richtigen Menschen ausreichend Hinweise bekommen, die ihnen helfen, ihr Kind nicht in eine Schublade pressen oder verändern zu wollen sondern in ihren Qualitäten und Fähigkeiten zu fördern und zu beschützen.

 

Hochsensible Kinder, die heute heranwachsen oder erwachsen sind, hatten diesen Vorteil oft nicht. Da kann es geschehen sein, dass die Eltern oder Verwandte, genauso wie Lehrer, Trainerinnen oder Menschen, mit denen das Kind öfter in Kontakt kam, nachhaltig dazu beigetragen haben, dass das Kind sich schlecht gefühlt hat, als wäre etwas mit ihm nicht in Ordnung, als wäre es falsch.

 

Hochsensible Kinder (und auch Erwachsene) haben oft große Schwierigkeiten, mit dieser lauten, schnellen, anspruchsvollen Welt zurecht zu kommen. Wenn einem jedes laute Geräusch unangenehm ist, wenn zu kratzige, zu schwere oder zu enge Kleidung das Tragen (fast) unmöglich macht, man Räume verlassen muss, weil einem von den Gerüchen übel wird oder der Ton oder die Ausdrucksweise des Gegenübers Angst macht, zum Weinen bringt oder innerliche Schmerzen bereitet, kann der Alltag einem Hindernisparcours gleichen.

 

Solche Kinder können natürlich auch ihre Eltern vor Probleme stellen. Wenn alle Geschwister- und Nachbarskinder voller Begeisterung draußen Ball spielen oder den Indoorspielplatz stürmen, beim Brettspiel lachen und kreischen oder vergnügt im Garten buddeln und matschen, kann es schwer verständlich oder erträglich sein, wenn dieses eine Kind einfach nicht mitmachen will.

Ein hochsensibles Kind liebt vielleicht eher leise Spiele, ruhige Bewegungen, weniger Menschen. Es mag vielleicht keine hallenden Räume, hat Angst vor Höhen, genauso wie vor fliegenden Bällen und ekelt sich vor feuchter Erde.

Es kann auch ganz anders sein und gerade dieses hochsensible Kind liebt es, stundenlang alleine für sich im Beet zu graben und Sämlinge und Käfer zu beobachten, liebt Ballspiele aber eben nur mit einem anderen Kind, nicht mit fünfen gleichzeitig. Und bitte ohne lautes Kreischen. 

Oder die Hochsensibilität eines Kindes zeigt sich dadurch, dass es sehr intensive Gefühle spürt, mit denen es vielleicht alleine nicht so gut umgehen kann. Dass es Dinge ahnt, noch bevor man sie selbst ausgesprochen hat, dass es am liebsten alleine für sich ist, draußen im Wald spielt oder in seinem Zimmer sitzt und liest. Es kann aber auch sein, dass es am liebsten bei vertrauten Menschen ist, der Mama oder dem Papa am sprichwörtlichen Rockzipfel hängt, weil es Angst bekommt, wenn es alleine ist.

 

Hochsensibilität ist sehr vielschichtig. Und gerade dann, wenn man selbst noch nie eine Reizüberflutung erlebt hat, sich gerne und viel unter Menschen aufhält, eine hohe Stressresistenz und Leistungsbereitschaft hat, sich wenig mit Gefühlen beschäftigt oder z.B. gerne laute Musik hört, kann es sehr schwer sein, sich auf die Bedürfnisse seines hochsensiblen Kindes einzustellen.

 

Andersherum kommt es natürlich auch oft vor, dass Eltern ihre eigene Hochsensibilität erst durch ihre Erfahrungen mit ihren eigenen Kindern entdecken. Entweder, weil sie sich durch das betroffene Kind mit diesem Thema auseinandersetzen müssen, was einem großen „Aha-Erlebnis“ gleichkommen kann oder weil sie durch ihr Kind feststellen müssen, wie schnell sie sich selbst überfordert fühlen, an ihre Grenzen kommen oder sogar oft darüber hinaus gehen und dann mit dem Konsequenzen umgehen müssen.

 

Entdeckt nun ein Erwachsener das Thema für sich und wundert sich über gewisse Erinnerungen oder Erfahrungen der Kindheit, kann dies z.B. daher rühren, dass die Eltern mit den intensiven Gefühlswahrnehmungen des Kindes völlig überfordert waren. Wenn die Tochter immer wieder stundenlange Wutanfälle hat und sich nicht anders zu helfen weiß, als zu treten und zu beißen oder sich sogar selbst zu verletzen, ist das für Eltern mit oder ohne Wissen über das Thema Hochsensibilität sehr herausfordernd.

Wenn der Sohn sich immer wieder ängstlich an die Mutter klammert, während die anderen Kinder draußen toben, weint, wenn sie ihn auch hinausschickt, schlecht schläft, oft Bauchschmerzen hat, Angst vor dem Kindergarten oder der Schule hat, kommt man als Eltern leicht an Grenzen.

 

Anderes Szenario: die Kinder spielen laut und glücklich, Wohnzimmer, Flur, Bad und Küche sind ein mittelalterliches Schlachtfeld, die gute Tischdecke dient als Banner und der aus dem Keller hochgeschleppte, staubige Koffer als Burgmauer, während leere Blechdosen als Geschosse durch die Räume scheppern.

Im Schlafzimmer dröhnt der Mutter oder dem Vater der Kopf vor Lärm oder die Wut kocht hoch und fast über oder die Tränen fließen unaufhaltsam ins Taschentuch.

Weiß man als Erwachsener noch nicht um seine Belastbarkeit und seine Grenzen, hat man noch keine Erfahrungen damit gemacht, wie der Alltag reguliert und strukturiert werden kann, so dass hochsensible und nicht hochsensible Menschen gut zusammen leben können, kann so ein ganz normaler Spielnachmittag den Erwachsenen schier in den Wahnsinn treiben.

 

Nächstes Szenario: alle Familienmitglieder wissen um die Hochsensibilität eines oder mehrerer Familienmitglieder. Es wurde vereinbart, dass bestimmte Zeiten in der Woche für ruhige Spiele reserviert sind, an anderen sind auch wildes und lautes Toben möglich. Es wurden Alternativen wie Besuche bei Freunden oder Spiele draußen besprochen. Die hochsensiblen Menschen lernen altersgerecht, ihre Bedürfnisse nach Ruhe, Gemeinschaft, Alleinsein usw. auszudrücken sowie ihre Gefühle zu fühlen, zu benennen und zu regulieren, wenn nötig. Die anderen Familienmitglieder wissen, wie sie die Schwester oder den Vater unterstützen können und respektieren soweit wie möglich die jeweiligen Bedürfnisse. Alle bemühen sich, auf die anderen zu achten und versuchen immer wieder, gemeinsam zu Lösungen zu kommen.

 

Dies ist ein Beispiel, jede Familie, jede Partnerschaft, jede Gruppe darf für sich ausprobieren und herausfinden, was die einzelnen Mitglieder brauchen, um wirklich da sein und sich wohlfühlen zu können.

 

Es braucht viel Aufmerksamkeit und aufeinander eingehen, viel gemeinsames Lernen aber so kommt die Familie, das Paar, das Team in die Lage, aufeinander zu achten, voneinander zu lernen und niemanden zurückzulassen.

Denn das passiert leider so oft, wenn die Hochsensibilität eines Kindes z.B. nicht erkannt wird. Seine tiefen und vielfältigen Fähigkeiten und Qualitäten, die jedes Zusammentreffen mit ihm zu etwas Besonderem machen können, werden immer mehr unterdrückt. Das Kind wird immer mehr in der ihm eigenen Lebensenergie gehemmt und in eine Form gepresst, in der es sich „der Norm“ anpasst und nicht ausprobieren und erfahren kann, wer er oder sie selbst eigentlich ist.

 

Denn Hochsensibilität biete so viel, was im normalen Alltag schnell untergehen kann. Eine erhöhte Wahrnehmung für Ästhetik, ein besonderes Auge für Details, ein „Ohr“ für die leisen Töne des Lebens, besondere Sinneswahrnehmungen, eine herausragende Auffassungs- und Reflexionsgabe, viel Aufmerksamkeit und Mitgefühl, große Fantasie, tiefe Gefühlswahrnehmungen, ein hoher Gerechtigkeitssinn und vieles mehr zeichnen oft schon kleine hochsensible Kinder aus.

 

Sie brauchen vielleicht etwas mehr Schutz als andere Kinder, vielleicht etwas mehr Begleitung, einen anderen Rahmen, fordern ihre Eltern ganz sicher immer wieder heraus, fordern sie dazu auf, über den Tellerrand zu sehen und außerhalb des Quadrats zu denken. 

Und das ist das Geschenk, das auf einen wartet, wenn man sich traut, sich auf seine eigene oder die Hochsensibilität des Kindes oder der Partnerin einzulassen: eine völlig neue Sicht auf die Welt, eine tägliche Einladung, näher ran zu gehen, größer zu denken, weiter zu fühlen, ruhiger zu werden, langsamer.

Hochsensibilität lädt dazu ein, ein unkonventionelles Leben zu führen, vielleicht hier und da anders zu sein und zu handeln, als andere, dafür aber vielleicht auch etwas erfüllter, verbundener und zufriedener.

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