Emotionale erste Hilfe für traumatisierte Menschen

 

 

Was nach einem starken individuellen oder kollektiven Schock zu tun – und zu

unterlassen ist:

 

  • zunächst sollen Betroffene versuchen, mit ihren Familien und Freunden zusammenzukommen, um sich gegenseitig zu unterstützen

  • organisieren und treffen Sie sich in Gruppen: in der Nachbarschaft, in Gemeinschaftszentren, in kirchlichen Räumen oder anderen Orten, wo Sie mit dem Erlebten nicht alleine sind

  • isolieren Sie sich nicht

  • versuchen Sie, so schnell wie möglich, Informationen über die Ihnen nahestehenden Menschen zu bekommen. Verfolgen Sie für kurze Zeit die Nachrichten im Fernsehen – aber schalten Sie den Apparat auch wieder für eine gewisse Zeit aus. Beschränken Sie sich darauf, den Fernseher (das gilt natürlich auch für Nachrichten im Internet!) höchstens alle zwei Stunden einzuschalten. Setzen Sie sich nicht wiederholt den traumatisierenden Bildern aus. Es ist äußerst wichtig, sich schnell wieder auf wohltuende und inspirierende Dinge zu konzentrieren, die unsere Gemütslage zu besänftigen helfen, uns stärken und erden. Suchen Sie den Kontakt zu möglichen Unterstützungs- und Beratungsstellen und verbinden Sie sich so mit wertvollen Ressourcen. Unternehmen Sie etwas, was Ihnen hilft, die Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten.

    Zum Beispiel: einen Spielfilm anschauen, stricken, kochen, handwerken, Gartenarbeit verrichten, mit Kindern oder Tieren spielen, mit Freunden etwas Schönes unternehmen, in der Natur spazieren gehen usw.

  • Bleiben Sie aktiv, verrichten Sie z.B. freiwillige Arbeit im Krankenhäusern, Flüchtlingsheimen, spenden Sie Blut, organisieren Sie Unternehmungen für betroffene Menschen,... Wenn Sie dazu bereit/in der Lage sind, spenden Sie Geld, Bieten Sie Spezialisten in dafür eingerichteten Anrufstellen Ihre Unterstützung an

  • Ermutigen Sie die Menschen, ihre Geschichte nicht ständig wieder zu erzählen – und halten Sie sich auch selber daran! Das stete Wiederholen und Erzählen des Erlebten vertieft und verstärkt das Trauma und baut es nicht ab, wie so oft fälschlicherweise geglaubt wird! Das heißt nicht, dass Sie sich nicht gegenseitig unterstützen sollen, über die erlebte persönliche Tragödie und die ganze Katastrophe zu sprechen und zuzuhören, aber legen Sie dabei von Anfang bis zum Schluss immer wieder Pausen ein. Versuchen Sie, während dieser Phasen der Stille Ihren Gefühlen und Empfindungen nachzuspüren.

    Geben Sie Ihren Emotionen die Möglichkeit, sich auf rationaler Ebene (d.h. In klaren Gedanken) und in einer gewählten, nützlichen Haltung auszudrücken. Das wird Ihnen helfen, Ihre Gefühle zu verarbeiten, ohne dass sie Sie überwältigen. Auf diese Weise werden Sie nicht in ein zwanghaftes Denkverhalten hineinmanövriert.

 

 

Psychologische Reaktion

 

Menschen können auf vielfältige Art und Weise auf Tragödien reagieren:

 

  • einige werden sich für eine gewisse Zeit in einem Schockzustand befinden, sich wie abgetrennt oder abgespalten und wie betäubt fühlen. Sie werden sich möglicherweise benommen, leer und dumpf fühlen, wie abgeschnitten vom vorhandenen Schrecken und Schmerz

  • Kinder können extrem anhänglich werden und Albträume haben. Andere können auch aggressive Verhaltensweisen zeigen. Das ist normal! Dieses Verhalten kann ein paar Tage oder auch länger dauern, aber es wird vorübergehen. Sie müssen sich ernst genommen und beschützt fühlen

  • andere Menschen wiederum werden möglicherweise Angst haben und in tiefer Sorge sein, sich verwirrt fühlen, Wut spüren und Hilflosigkeit erleben. Diese Gefühle sind auch normal und werden vorübergehen

  • wieder andere werden vielleicht auch besorgt sein, überaus wachsam („auf der Hut“) und sehr schnell reizbar. Sie müssen so bald wie möglich wieder etwas unternehmen und dabei, wenn irgend möglich, versuchen, sich kreativ auszudrücken, damit sie wieder ruhiger werden können. Z.B. beim Sport, Tanzen, Singen, Musizieren, Basteln, Handwerken, Malen, Schreiben, etwas organisieren uvm

Auch der Kontakt zu Familienmitgliedern und Freunden kann helfen, sich wieder zu beruhigen (ohne ständig und nur über das Erlebte zu sprechen, siehe oben!)

 

Körperliche Reaktion

 

Dass der Körper eine Reaktion auf den Stress zeigt, ist völlig natürlich. Lassen Sie sich also nicht davon beunruhigen. Es ist wichtig, Zeichen von „Aktivierung“ anzunehmen und sich vor verschiedenen Formen von Erregung nicht zu ängstigen, z.B.

  • das Herz schlägt schneller

  • das Atmen macht Mühe

  • der Blutdruck steigt an

  • die Bauchgegend ist angespannt

  • im Hals bildet sich ein „Knoten“

  • die Haut ist kalt, vielleicht feucht

  • die Gedanken rasen

 

Diese Reaktionen werden alle verschwinden, wenn sie einfach da sein dürfen, als völlig normal akzeptiert werden und nicht bekämpft oder unterdrückt werden!

 

  • einige Leute werden Schlafstörungen haben, zu viel essen wollen oder ein anderes Suchtverhalten annehmen, Alkohol oder Drogen konsumieren. Solchen Phänomenen begegnet man am besten, indem man sie sich bewusst macht und versteht und akzeptiert, dass eine tiefe Verletzung und Verunsicherung besteht, dass aber alles wieder vorübergehen wird

  • alte, nicht gelöste und bearbeitete Traumata und Verletzungen können wieder „hochkommen“. Das gewohnte Gefühl von Vertrauen und Sicherheit gerät ins Wanken. Es kann helfen, die betroffenen Personen an ihren Namen, ihr Alter, den aktuellen Ort und das Datum erinnert werden, um begreifen zu können, dass sie hier und jetzt sind und nicht damals, als das alte Trauma passiert ist

  • die Symptome können sehr unterschiedlich sein, sie bleiben für einige Zeit da, tauchen auf und wieder ab, sind unterschiedlich stark, sie können einen auch manchmal mit geballter Wucht überfallen. Das gehört zu einem Trauma dazu und kann sich wieder normalisieren

 

Hilfreiche Reaktionen

 

Wir können unser Nervensystem beruhigen und ins Gleichgewicht bringen, indem wir als erstes verstehen, wie es reagiert, wenn es übermäßig belastet und stimuliert wird.

Beispiele für eine Überstimulation des Nervensystems sind:

 

  • Zittern, Schüttelfrost, Frieren

  • Hitzewellen, Schweißausbrüche

  • ungewohnte und laute Geräusche im Bauch

  • der Zwang, immer wieder tief Luft holen zu müssen

  • das Gefühl, nicht gut Luft zu bekommen

  • Weinen oder Lachen, auch ohne, dass man es will

 

Alle diese Körperreaktionen sind gut und richtig. Sie bedeuten, dass Energie entladen wird! Durch diese Entladungen der überschüssigen Energie, die in einer Situation mit viel Stress vom Körper für Kampf oder Flucht bereitgestellt wird, kann sich das Nervensystem und somit der ganze Mensch wieder regulieren, beruhigen, ausbalancieren.

Wichtig ist dabei, die Geschehnisse in sich aufmerksam und neugierig zu beobachten und ohne sie zu bewerten! Und zu wissen, dass der Körper von ganz alleine wieder in seine alte Balance und Ruhe zurückfinden kann, wenn man ihn nur läßt. Dafür müssen wir ihm Zeit geben, ihn immer wieder aufmerksam und wertfrei wahrnehmen und ihn „machen lassen“, so fremd und unangenehm die Dinge auch sind, die in einem ablaufen, sie sind normal und wichtig!

 

 

Was getan werden sollte/Übungen

 

Es ist sehr wichtig, „geerdet“ zu sein!

Wer sich desorientiert und verwirrt fühlt, die Fassung verliert und an allem zu zweifeln beginnt, kann folgendes tun:

 

  • setzen Sie sich auf einen Stuhl, fühlen Sie den Kontakt der Füße mit dem Boden. Drücken Sie mit den Händen auf die Oberschenkel, spüren Sie das Gesäß auf dem Stuhl. Nehmen Sie Ihren Rücken wahr, der von der Stuhllehne gestützt wird.

    Schauen Sie sich im Raum um und wählen Sie sechs Gegenstände aus, die Ihnen auffallen, wegen ihrer Form oder ihrer Farbe. Gut funktioniert zum Beispiel Rot. Das sollte Ihnen ermöglichen, ganz in der Gegenwart zu sein, besser „geerdet“, besser im Körper.

Achten Sie dabei darauf, wie Ihr Atem tiefer und ruhiger wird.

Vielleicht möchten Sie aufstehen, nach draußen gehen oder einen ruhigen Ort aufsuchen, wo Sie sich ins Gras setzen oder sich an einen starken Baum anlehnen können.

Nehmen Sie dort ganz bewusst wahr, wie Ihr Gesäß den Kontakt zur Erde spürt, wie Sie gehalten und gestützt werden durch den festen Boden unter Ihnen.

 

  • Die folgende Übung ermöglicht es Ihnen, den eigenen Körper als „Behälter“ wahrzunehmen, als ein Gefäß, das all Ihre Gefühle in sich trägt und zusammen hält. Klopfen Sie mit den Fingern Ihren Körper ab.

    Achten Sie darauf, dass die Handgelenke locker sind und die Eigenberührung bewusst und liebevoll ist. Vermutlich wird sich Ihr Körper danach belebter, wacher, präsenter und vielleicht auch „kribbelnd“ anfühlen.

    Oft ist in einem solchen Zustand der Kontakt zu den eigenen Gefühlen klarer.

 

  • Eine andere Übung besteht darin, die Muskeln anzuspannen, und zwar jede Muskelgruppe nacheinander:

    Kreuzen Sie die Arme über der Brust und halten Sie die beiden Schultern fest. Erhöhen Sie langsam den Druck und beginnen Sie dann, erst mit der einen und dann mit der anderen Hand, die Oberarme abzuklopfen.

    Machen Sie dann das selbe mit den Beinen. Spannen Sie erst die Oberschenkel an und halten Sie sie von oben fest. Erhöhen Sie jetzt den Druck und beginnen Sie mit dem Abklopfen.

Machen Sie das gleiche mit den Waden.

Spannen Sie danach erst den Rücken und dann die Brustpartie an.

Lassen Sie die Spannung langsam wieder los.

 

  • Jede sportliche Betätigung kann helfen, Anspannung, Unruhe und auch Angst oder depressive Gefühle zu lösen oder zu mindern. Durch das Spüren der eigenen Kraft und Beweglichkeit kann man wieder gut in Kontakt mit sich selber kommen und sein Selbstvertrauen erhöhen

 

  • Wenn Sie gerne beten oder meditieren, tun sie das! Beides kann sehr helfen, wenn der Boden unter einem zu schwanken beginnt. Beten Sie für die Ruhe der verstorbenen Seelen, für die Heilung der Verwundeten, für den Trost der Trauernden. Beten Sie für Frieden, Verständigung, Weisheit und die Kraft des Guten, dass diese trotz allem überwiegen möge.

    Geben Sie die Hoffnung und den Glauben an das tief im Menschen vorhandene Gute niemals auf. Lassen Sie sich das Vertrauen in die Menschheit niemals nehmen!

 

Und zum Schluss

 

Vergessen Sie niemals, dass wir Menschen über außerordentliche Widerstandskräfte verfügen und uns immer wieder auch von den widerwärtigsten und entsetzlichsten Tragödien erholen können!

Zusätzlich habe wir die großartige Fähigkeit, uns durch die Heilung unserer Traumata und Verletzungen zu transformieren und uns neuen Möglichkeiten zu öffnen!

 

 

Von:

The Foundation for Human Enrichment

 

www.traumahealing.com

Kontakt

Anna Benitz

Pyer Kirchweg 4

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